20 Jahre nach dem ersten NSU-Mordanschlag sind immer noch viele Fragen offen

20 Jahre nach dem ersten NSU-Mordanschlag sind immer noch viele Fragen offen
08.09.2020
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20 Jahre nach dem ersten NSU-Mordanschlag sind immer noch viele Fragen offen – Nürnbergs Probleme mit der Erinnerungskultur

Nürnberg – Die Türkische Gemeinde in der Metropolregion Nürnberg e.V. (tgmn) kritisiert, dass 20 Jahre nach dem ersten bekannten NSU-Mordanschlag in Nürnberg immer noch viele Fragen rund um den NSU-Komplex offen sind, die auf eine Antwort warten.

Nur die Hauptangeklagte Beate Zschäpe wurde in München zu lebenslanger Haft verurteilt. Die Mitangeklagten des Nationalsozialistischen Untergrunds erhielten milde Haftstrafen. Die Mitglieder des NSU-Netzwerkessind immer noch unter uns, eine Aufklärung der Hintergründe ist bis heute nicht erfolgt –  2012 versprach die Bundeskanzlerin Angela Merkel die lückenlose Aufklärung der Morde.

tgmn-Vorsitzender Bülent Bayraktar: „Noch immer warten wir und die Angehörigen der Opfer auf Antworten: Warum wurden genau diese Opfer ausgesucht? Wer sind die Mittäter und Mitwisser? Wie gelangten sie an Adressen von rund 10.000 weiteren Zielen, auch in der Metropolregion Nürnberg? Welche Rolle spielt der Staat in diesem Komplex? Der Lübcke-Mord, Halle, Hanau, Drohschreiben an Moscheen und Politiker zeigen, dass das Gedankengut der NSU weiterlebt. Das Vertrauen in den Rechtsstaat ist erschüttert. Die schlampigen Ermittlungen und die Enthüllungen bei der Polizei und Bundeswehr machen deutlich, dass Rassismus in staatlichen Institutionen keine Ausnahme ist. Rassismus und Antisemitismus ist ein strukturelles Problem, dem wir uns alle stellen müssen. Türkenfeindlichkeit und Islamophobie sind in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Politiker müssen Rechtsradikalismus endlich ernst nehmen und mehr auf die Opfer hören!“

Nürnbergs Probleme mit der Erinnerungskultur

Nürnberg, die Stadt des Friedens und der Menschenrechte, hat Probleme mit der Erinnerungskultur an die Mordopfer, die kaltblütig in Nürnberg ermordet worden sind. Das bundesweit gleich drei Todesopfer und der erste bekannte Bombenanschlag im Jahre 1999 in Nürnberg verübt worden ist, ist kein Zufall.

Nur eine Gedenktafel im Niemandsland zwischen der Altstadtmauer und dem Stadtgraben und vier Gingko-Bäume, die dort gepflanzt wurden sind, erinnern an die drei Nürnberger Mordopfer Enver Şimşek († 09.09.2000), Abdurrahim Özudoğru († 13.06.2001), İsmail Yaşar († 09.06.2005) und die ‘anderen’ NSU-Opfer. Bei der Anbringung der Metalltafel war der Todestag des Opfers İsmail Yaşar falsch datiert. Eine Erinnerung an den Bombenanschlag im Jahre 1999 an “Mehmet O.” fehlt immer noch. Den Ort der Gedenktafel hatte der tgmn-Gündungsvorsitzender Prof. Dr. Şefik Alp Bahadır hart kritisiert und nahm nicht am 21.03.2013 an der Einweihung teil.

Die Tafeln an den Tatorten haben provisorischen Charakter und wurden von zivilgesellschaftlichen Organisatioen angebracht – sogar diese wurden zeitweise zerstört.

Eine zentrale Gedenkfeier war bis heute nicht möglich. Unbemerkt von der deutschen Öffentlichkeit gedenken türkische Generalkonsule und türkische Vereine seit mehreren Jahren an den Tatorten den Opfern. Die Initiativen „Schweigen Durchbrechen“ und “Nürnberger Bündnis NAZI-Stopp” gedenken ebenfalls seit Jahren mit Demos und Kundgebungen an die Opfer und stellt teils politische Forderungen, die nicht unbedingt von allen Seiten getragen werden können. Die Stadt Nürnberg, die Kirchen und die Allianz gegen Rechtsextremismus in der Metropolregion Nürnberg, wo tgmn Gründungsmitglied ist, veranstalten unregelmäßig Ausstellungen, Podiumsdiskussionen und Gedenkveranstaltungen. Die Städte Nürnberg und München vergeben seit 2015 den Jugendpreis ‚Mosaik‘.

Bayraktar: „Umso mehr freut uns, dass zum 20. Jahrestag eine gemeinsame Andacht mit dem Oberbürgermeister der Stadt Nürnberg Marcus König (CSU) und dem Generalkonsul der Republik Türkei Serdar Deniz am 09.09.2020 möglich ist. Zuletzt kamen der bayerische Innenminister Joachim Herrmann (CSU), der ehemalige Oberbürgermeister Dr. Ulrich Maly (SPD) und die ehemalige Generalkonsulin Ece Öztürk Çil bei der Einweihung der NSU-Gedenktafel im Jahre 2013 zusammen. Wir finden es schade und unverantwortlich gegenüber den Familienmitgliedern der Opfer, wenn Andachten für politische Interessen instrumentalisiert werden.”

Mit freundlichen Grüßen

Bülent BAYRAKTAR

Vorsitzender     tgmn – Türkische Gemeinde in der Metropolregion Nürnberg e.V.

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